Bünting Premium SortimentStatussymbol Tee

Der dünne Teeaufguss, der auch über das erste Viertel des 19. Jahrhunderts hinaus mehrheitlich in Ostfriesland gang und gäbe war, ist genau das Gegenteil von dem, was man heute landläufig mit der Vorstellung eines "Ostfriesentees" verbindet. Es gibt also Gründe dafür, wann und warum der Stärkegrad des Tees anstieg und eine eigene Teezeremonie ausgebildet wurde, bei der Kaffee als Alltagsgetränk und Genussmittel in der Region kaum mehr eine Rolle zu spielen begann und Tee letztendlich zum "ostfriesischen Nationalgetränk" aufsteigen konnte.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich die sozialen Gegensätze weiter aus. Wer Geld hatte, demonstrierte dies auch durch einen umfangreichen Teeverbrauch. Die Tagelöhner in der Marsch sowie die Kolonisten im Moor hingegen behalfen sich ausschließlich mit billigstem Tee. In einer Landarbeiterfamilie im Jahre 1890 mit einem einigermaßen sicheren Auskommen verbrauchte jede Person ungefähr 1 kg Tee im Jahr. Im etwas stärkeren Teeaufguss — dem "Besuchstee" — bildeten die ostfriesischen Unterschichten eine schichtenspezifische Genussvariante aus.

Massenhafter Anbau ergiebiger Schwarzteepflanzen

Dass in Ostfriesland Schwarztee zum Inbegriff des Tees wurde und der grüne Tee geradezu in Vergessenheit geriet, hatte sowohl wirtschaftliche als auch ideologische Gründe. Durch den professionalisierten Anbau von Assam-Teepflanzen in Indien und Java wurde eine sehr ergiebige Teepflanze gefunden, die einen höheren Gerbstoffanteil in den Blättern besitzt als die traditionelle chinesische Teepflanze. Seit den 1860er Jahren brachten die Engländer indischen und die Holländer javanischen Schwarztee in immer größeren Mengen auf den Markt. Seit den 1880er Jahren waren also sowohl grüner Tee als auch Tee aus chinesischen Anbaugebieten überhaupt in Ostfriesland mehr oder weniger zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Zwar bot der Handel in Ostfriesland damals sowohl verschiedene Sorten als auch Mischungen von Schwarztee an, doch bestand vor allem für geschmacklich weniger verfeinerte Zungen die Qualität eines Tees mehr in seinem Stärkegrad als in einem besonderen Aroma.

Kulturbedürfnis der Ostfriesen

Der starke Teeaufguss war ein geeignetes und prestigeträchtiges Kriterium, an dem man die Gastfreundschaft des jeweiligen Gastgebers messen konnte. Der "Blümchenkaffee" fand seine Entsprechung im flauen "Schöttelwater", einem sehr dünnen Schwarztee. Vor allem die auffällige Stärke des ostfriesischen Teeaufgusses, der damit seine Entwicklung aus dem kleinbürgerlichen  „Besuchstee" nicht leugnen kann, weist darauf hin, dass die sogenannte "ostfriesische Teezeremonie" als ein Resultat der Kulturbedürfnisse der mittleren und unteren Sozialschichten Ostfrieslands anzusehen ist.

Statt eine bessere Teesorte aufzutischen, verstärkte der "kleine Mann" seinen Alltagstee! Auch die Formen der Ritualisierung des Genusses, indem z. B. der Kluntje zuerst in die Tasse gehört, die Sahne am Tasseninnenrand herunterzulaufen hat, nicht umgerührt werden darf und dergleichen mehr, weisen auf Züge der Demonstration einer eigenen Kultur hin. Dies war in anderen, kostspieligeren Lebensbereichen schlechter zu realisieren. Über die Art, den Tee zu genießen, konnten auch die Mittel- und Unterschichten eine, wenn auch nur bedingt eigenständige, so doch aber auf ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten zugeschnittene, Genuss- und Kulturform gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausbilden.

Im Teetrinken fanden die Landsleute eine Gemeinsamkeit: Das ostfriesische Nationalgetränk Tee verband alle sozialen Schichten dieser Region miteinander. Teetrinken war zu einer Ideologie geworden.

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Quelle: „Die Geschichte des Teetrinkens in Ostfriesland“, zusammengestellt von Ralf Töpfer. Grundlage: "Zur Sozialgeschichte des Teetrinkens in Ostfriesland", herausgegeben von der Museumsfachstelle - MOBiLE - der Ostfriesischen Landschaft, Aurich.

Weitere Quellen:
1 Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Landschaftsbibliothek
2 Robert Fortune, Wikipedia
, Plantexplorers.com
3 Tee in Ostfriesland, Hanne Klöver, Sambucus Verlag, S. 78