Wie bei den Ostfriesen das Wölkchen in den Tee kam

Vermutlich würden Sie sich schütteln, wenn Sie im 18. Jahrhundert als einfacher Landarbeiter in den ostfriesischen Moorgebieten eine Tasse Schwarztee hätten trinken müssen. Für die Menschen damals war es aber eine deutliche Verbesserung ihrer ärmlichen Lebensqualität.

Gerade die Moorkolonisten tranken zu ihrer einseitigen Ernährung aus Kartoffeln, Brei und Suppe hauptsächlich Tee. Das hatte einen guten Grund, denn das moorige, stark eisenhaltige Grundwasser musste aus gesundheitlichen Gründen abgekocht werden. Etwas Tee im Wasser übertünchte den fauligen Geschmack des Moorwassers. Daher wurde täglich ein dünner Teesud als Durstlöscher aufgesetzt.

Von Tee als Genussmittel konnte hier noch keine Rede sein - Tee war lediglich Lebensmittel: Er war ergiebiger und damit günstiger als Kaffee, hatte eine beruhigende Wirkung und unterdrückte das Hungergefühl. Somit war er ideal für die unter kärglichen Bedingungen lebende Landbevölkerung.

Und wo bleibt das Wölkchen?

Wie jedes Volk hatten auch die Ostfriesen das Bedürfnis nach Ritualen und Zeremonien. Tee war das perfekte Getränk für die Ostfriesen, er wurde quer durch alle Schichten konsumiert. Die ländlichen Oberschichten orientierten sich zunehmend an der Englandmode und kultivierten daran anlehnend ihren Teegenuss.

Im 19. Jahrhundert entwickelte die ostfriesische Unterschicht parallel dazu ihre eigene Genussvariante. Inzwischen gab es im Handel verschiedene Schwarzteesorten. Doch statt ihrem Besuch eine besonders hochwertige Teesorte zu kredenzen, servierte sie lieber einen starken Aufguss ihres Alltagstees. Der sogenannte „Besuchstee“ war geboren.

Dazu stand auf dem Tisch eine große Milchkumme mit frisch gemolkener Milch, auf der sich die Sahne absetzte.  Mit einem „Rohmlepel“ schöpften sie die Sahne oben ab und ließen sie an der Tassenwand in die Teetassen rinnen. Zusammen mit dem Kluntje am Tassenboden zelebrierten so auch die einfachen Leute ihre Teestunde. Bald verbreitete sich diese Zeremonie über ganz Ostfriesland. Zeitgleich wurde das sogenannte Ostfriesen-Besteck entwickelt, filigran im Schwung mit ornamenthaftem Dekor.

Teezeremonie im Wandel der Jahrhunderte

Natürlich haben sich die Erwerbsbedingungen und das Leben auch im traditionsverbundenen Ostfriesland kontinuierlich verändert. Dank der Industriealisierung ermöglichte der zunehmende Wohlstand auch Investitionen in sonntäglichem Geschirr und Besteck. So ist mittlerweile der Sahnelöffel nur noch so groß wie ein Teelöffel. Sahne wird nun aus dem Sahnekännchen geschöpft und die Tassen haben inzwischen Henkel und Untertassen.

An der Zeremonie an sich hat sich jedoch nichts geändert. Nach wie vor schätzt der Ostfriese seinen starken Schwarztee. Noch heute ist der Ostfriesische Sahnelöffel, neben dem typischen Teegeschirr mit Pfingstrose, ein Symbol für die Ostfriesische Teekultur.

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Quelle: "Zur Sozialgeschichte des Teetrinkens in Ostfriesland", herausgegeben von der Museumsfachstelle - MOBiLE - der Ostfrieischen Landschaft, Aurich

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