Prost Tee! Eine Kurzeinführung in die ostfriesische Teezeremonie von Menna Hennsmann, Leer. Entgegen anders lautender Gerüchte sind die Ostfriesen ein sehr gastfreundliches Volk. Der Ostfriese an sich liebt das Gespräch und die Geselligkeit, auch wenn ihm anderes nachgesagt wird. Zarte Teetassen mit der unverkennbaren "ostfriesischen Rose", Sahnekännchen, ein "Kluntjepott" mit "Kluntjezange" und das Stövchen mit der dickbauchigen Kanne zieren die liebevoll gedeckte ostfriesische Teetafel, wann immer Besuch ins Haus steht. Kein Ostfriese wird etwas dagegen sagen, wenn der Besucher sich höchstselbst über den dampfenden Tee hermacht, seine kleine Tasse bis zum Rand voll kippt, weil ihm dies der Durst gebietet und sich darüber hinaus, da die Ostfriesenmischung doch ziemlich stark ist, drei Kandiszucker und einen ordentlichen Schuss Sahne nimmt und "vehement" umrührt. Nein, sagen wird er nichts. Nur wird er Sie aufgrund dieses babarischen Verhaltens kein zweites Mal zum Tee "nögen" (einladen).


Die Teezeremonie

Es ist durchaus lohnend, einfach die einzelnen Stationen der Teezeremonie abzuwarten, denn durch sie erschließt sich dem Gast ein tiefer Einblick in ostfriesische Sitten und Gebräuche. Vorab gesagt: der Tee wird nicht getrunken, um den Durst zu löschen, sondern um eine bestimmt Atmosphäre zu schaffen. Einigermaßen umständlich ist die Handhabung der schmucken silbernen "Kluntjezangen", die ostfrisiesche Mädchen als erste Aussteuergabe zur Konfirmation geschenkt bekommen. Meistens sind sie zu filigran für die großen Kandisbrocken, die sie zu umfassen suchen. Es bedarf schon einer langjährigen Übung, um die kritische Distanz zwischen "Kluntjepott" und Tasse ohne Verluste zurückzulegen. Erst wenn alle Tassen mit einem "Kluntje" bestückt sind, wird der Tee, der mindestens fünf Minuten gezogen haben muss, vorsichtig eingegossen.

Kluntje hinzufügen

Ein großes Stück Kandis in die Tasse legen. (Ostfriesiche Kluntje sind große weiße Kandis-Brocken.)

Tee langsam eingießen - nicht rühren

Das Knacken des Kandis zeigt an, dass der Tee heiß genug war. Die Tasse darf allenfalls halb voll gegossen werden, damit noch eine Spitze des Kluntjes aus dem tiefen Braun herausragt.

Sahne einlaufen lassen

Sahne langsam am Innenrand der Tasse in den Tee laufen lassen. Um diesen "Gipfel" herum legt der ostfriesische Teekenner mit dem "Rohmlepel" (Sahnelöffel) behutsam eine dicke Sahnewolke, die sich langsam vom Kluntje zum Tassenrand ausbreitet und versinkt.
In diesem Moment sollte man eine Weile innehalten und dem Geschehen in der Tasse seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Machen Sie Ihren Kopf frei von allen Alltagsproblemen, nehmen Sie meditativ teil an dem, was sich im Mikrokosmos Ihrer Teetasse abspielt.

Die Wolke ("Wulkje") steigt auf

Halt! Den Griff zum Teelöffel, der auf der Untertasse scheinbar zum Umrühren parat liegt, können Sie sich noch sparen, denn Tee trinkt der Ostfriese weder geschüttelt noch gerührt. Der "echte" Genuss einer Tasse Tee erschließt Ihnen gewissermaßen alle unterschiedlichen Facetten des Lebens. Sanft, bitter und im Abgang zuckersüß. Drei Mal darf sich dieses Procedere wiederholen. 

Dann endlich kommt auch der bis zu diesem Zeitpunkt noch unberührt gebliebene Teelöffel zum Einsatz. Indem dieser schlicht in die Tasse hineingelegt wird, zeigt man wortlos darauf hin, dass gemäß dem Sprichwort " Dree is Oostfresen Recht" keine weitere Tasse mehr gewünscht wird.

Beherzigen Sie diese kurze Einweisung in die Ostfriesische Teezeremonie und Ihnen wird die stille Anerkennung Ihrer Gastgeber sicher sein.


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